„Truding“ – eine Erinnerung

Veröffentlichung: POMMERN – ZEITSCHRIFT FÜR KULTUR UND GESCHICHTE, Heft 1 / 2021

Abb. 1 Elisabeth Büchsel, Truding, Öl auf Leinwand, 1916. © STRALSUND MUSEUM.

Möötst still ståhn, Truding.

Als ob das so einfach wäre! Truding will es versuchen. Aufmerksam schaut das Kind auf die Malerin, Tante Büchsel nennen die Inselkinder sie. Ihren bunt beklecksten Farbkasten hat sie auf einem wackeligen Tischchen platziert. Sie hat ein Glas mit einer Flüssigkeit hingestellt und tunkt jetzt einen ihrer vielen Pinsel hinein. Dann wischt sie mit dem Pinsel über die Farbpalette in ihrer linken Hand und verschwindet hinter der großen Leinwand, von der Gertrud immer nur die Rückseite sehen kann. Gertrud steht an die Hauswand gelehnt. Die milde Spätsommersonne des Jahres 1916 hat die weiß gekalkte Steinmauer an genehm warm werden lassen. Hart und pieksig von den vielen kleinen Steinchen im Putz ist sie dennoch.

Gertrud nutzt den kniehoch gemauerten Sims, um die Hände abzustützen. Sie selbst reicht bis zum Po an den Mauervorsprung heran. Die an die Wand gelehnten Schultern drücken den Bauch nach vorn, so dass sich das rosa Röckchen und die darüber gebundene Schürze ein wenig hochschieben. Die Spitzen eines weißen Leinenhöschens lugen hervor. Darunter stecken die Beine in braunen Strümpfen. An den Füßen trägt Gertrud bis zu den Fesseln reichende Lederschuhe, deren Schnürsenkel sie schon ganz allein binden kann.
Und ganz allein kann sie auch der freundlich-strengen Malerin geradezu unendlich lange Modell stehen. Einfach nur still dazustehen, obwohl doch die Sonne so schön scheint und die ältere Schwester Hilma mit anderen Kindern des Dorfes gerade Fangen spielt, das ist eine sehr, sehr anstrengende Sache. Gertrud hat es ihrem Vadding versprochen. Hei hett wedder so dull haust! Sie will ihm den Gefallen tun. Ob sie zwischendurch einmal gucken kann, wie weit Tante Büchsel gekommen ist mit dem Bild? Nein, ganz sicher nicht, denn schon im selben Augenblick, gerade so, als könne die Malerin Gedanken lesen, ermahnt sie das Kind:
„Truding, blief ståhn!“

Abb. 2 Die Schwestern Hilma und Gertrud Gau. Eine Studioaufnahme, um 1926.
Abb. 3 Mit Pferd und Wagen bringt Gertrud Gau einen großen Korb Wäsche zum Spülen ans Boot. Vitte, Norderende, 1929/30.
Abb. 4 Über den Rand des Bootes wird die schwere Leinenwäsche im frischen Boddenwasser gespült. Bis in die 1940er Jahre hinein gab es für diese Arbeit insbesondere in Hafenstädten entsprechende Holzplattformen, sogenannte „Wäschespülen.“ Alte Straßennahmen, wie „An den Bleichen“, erinnern an Wiesen/Grünflächen, auf denen die saubere Wäsche zum Bleichen und Trocknen ausgelegt wurde.

Platt ward schnackt up Hiddensee. Un gä genräden gifft nich. Reigen still blifft Truding ståhn. Den Kopf ein wenig nach vorn geneigt, schaut das Kind weiterhin geduldig auf die Malerin, während die Sonne ihm einen breiten blauen Schatten zur Seite stellt – so blau wie das Meer, an dessen Ufer die hölzernen Fischerboote festgemacht sind. An manchen Tagen sieht es so aus. Ganz genau so. Oder wie der Himmel, in den Gertrud und Hilma so gern gucken und in Gedanken mit den dicken weißen Schäfchenwolken reisen, bis ihnen langweilig wird oder Mudding nach ihnen ruft. Denn lopen sei fixing nå Hus, um den Eltern zu erzählen, was sie gerade gesehen haben. Gertrud könnte das alles auch Tante Büchsel erzählen, aber die ist so angestrengt mit ihrer Arbeit beschäftigt. Man darf sie nicht stören, denn nun ist sie ja gerade dabei, alles einzufangen: die Farben, das Licht und sogar die vielen Schatten, von denen man glauben könnte, dass sie direkt an die weiß getünchte Hauswand gepinselt sind. Alles malt Elisabeth Büchsel auf das große Bild. So hat die Mutter es der Tochter erklärt, nachdem sie der Malerin die Erlaubnis gegeben hatte, ehr lütt Truding aftomålen. Dass die seit vielen Jahren schon auf der Insel Hiddensee tätige und als Mitglied des Lebens Bedeutung beimisst und mit all ihren Bildern immer auch Geschichten erzählt, spiegelt sich in dem im Sommer 1916 entstehenden Gemälde nicht zuletzt in dem klaren, aufmerksamen, beinahe sprechenden Blick der kleinen, vier Jahre alten Gertrud Gau, der die Anstrengung dieser großen Aufgabe verrät, die ihr als Modell der Malerin zugewiesen ist.
Im Leben der kleinen Gertrud Gau sind die schwere Krankheit des an Lungentuberkulose leidenden Vaters und die Sorge der Mutter allgegenwärtige Normalität. Wahrscheinlich versteht sie nicht wirklich, was am 25. August 1917 geschieht, an diesem doch eigentlich herrlichen Spätsommertag, als der junge Kaufmann Heinrich Wilhelm Ferdinand Gau im Alter von nur 39 Jahren die Augen für immer schließt, vergessen wird sie den Tod des Vaters nie. Eine große Holztruhe mit Wäsche und wenige Alltagsgegenstände sind die Habe ihrer Mutter Caroline Marie Christiane Gau, die mit ihren beiden Mädchen Hilma Gertrud Marie (geboren am 17. November 1910) und Gertrud Emma Alma (geboren am 3. September 1912) aus dem Elternhaus des verstorbenen Ehemannes ausziehen muss.
Auf dem Mœhlbarch kann die junge Witwe mit ihren Töchtern unterkommen. Sie wird zehn Jahre nach dem Tod ihres Ehemannes mit dem in Vitte geborenen Fischer Carl Wilhelm Heinrich Schäwel eine zweite Ehe eingehen. Am 1. Juni 1928 und am 5. Oktober 1930 werden die Söhne Wilhelm Karl Joachim Paul und Karl Heinrich Schäwel geboren. Carl Wilhelm Heinrich Schäwel stirbt am 12. Mai 1967. Ehefrau Caroline Marie Christiane Schäwel (geboren am 28. September 1883) folgt ihm am 6. September 1968.
Der kleinen „Truding“ soll ein langes Leben vergönnt sein. In Vierow bei Greifswald geht sie als junges Mädchen bei der Gutsfamilie von Keitz in Stellung und lernt neben der umfangreichen Führung einer Hauswirtschaft ihren späteren Ehemann, den am 29. Oktober 1910 in Vierow geborenen Landarbeiter Walter Hermann Martin Müsebeck, kennen. Auf dem Hof der Familie Fehlhaber ist er insbesondere mit der Versorgung der Pferde betraut. Am 25. Oktober 1932 wird in Stralsund ihr Sohn Werner Ewald Heinz geboren. Die Töchter Hilma Else Gertrud und Rita Berta Alma kommen am 3. Juni 1936 und am 4. September 1938 in ihrem Elternhaus in Vierow zur Welt. Früh hat Gertrud Müsebeck gelernt, auszuhalten und stark zu sein. Eine couragierte, liebevolle Frau wird sie sein, Mittelpunkt und Halt einer großen Familie. Die dem Beitrag beigefügten Fotografien sind nicht mehr als kleine Mosaiksteinchen aus dem Leben der 1912 in Vitte auf Hiddensee geborenen Getrud Gau, gleichzeitig gestatten sie jedoch einen interessanten Blick auf das ländlich geprägte Leben der jeweiligen Zeit.

Abb. 5 Im Jahre 1927 heiratete die verwitwete Caroline Gau den Fischer Carl Wilhelm Heinrich Schäwel. Das Foto zeigt beide mit den Söhnen Wilhelm und Karl im Garten in Vitte auf Hiddensee. Es entstand um 1938.
Abb. 6 Auf dem Dachboden des Hauses der Familie wurde das Heu für das Vieh gelagert. Die Aufnahme entstand zum Ende der 1930er Jahre.
Abb. 7 „Un vergät‘ nich, ik wohn in Vierow.“ Diesen Satz gab „Truding“ Müsebeck noch in hohem Alter jedem zum Abschied mit auf den Weg, der sie in ihrem kleinen, aber doch so lebendigen Haus besucht hatte. Hierher hatte es das geborene Inselkind gezogen. Das Foto zeigt die junge Frau mit ihrem Ehemann Walter, dem Sohn Werner und der Schwiegermutter Friederike Berta Wilhelmine Müsebeck, geborene Trittelfitz, um 1938.
Am 3. September 2004 feiert Gertrud Müsebeck in ihrem kleinen Haus in Vierow ihren 92. Geburtstag.

Glückwünsche, Blumen und Geschenke nimmt sie entgegen und hat trotz tatkräftiger Hilfe stets auch ein Auge auf die Versorgung der Gäste. In der Vorderstube ist die lange Tafel festlich gedeckt. Kaffee, Kuchen, ein Gläschen Sekt zum Anstoßen auf die Gesundheit der Jubilarin und aller, die heute zum Gratulieren gekommen sind, stehen bereit und zum Abendbrot muss es unbedingt auch warme Speisen geben. Alles muss da sein, gut muss es sein und mehr als genug. Und so hat das Geburtstagskind gar keine Ruhe in der übervollen Stube, in der am Vormittag schon der dunkelgrüne Kachelofen angeheizt wurde. Immer wieder muss „Mudder Müsbeck“ aufstehen und nachsehen, ob in der Küche alles seinen Gang geht, gerade so, wie es sein soll, wie es doch immer gewesen ist, als ihr Walter noch lebte, als auch die Schwester Hilma und der Bruder Willi noch unter ihnen waren. Und Rita, ihre jüngste Tochter, die so früh sterben musste. Nein, ganz so wie früher kann es nie mehr sein. Im Wohnzimmer ist der Geburtstagstisch reichlich gedeckt. Ein neues Hiddensee-Lesebuch haben Bruder Karl und Schwägerin Hilde ihr geschenkt. Beinahe im Vorbeigehen blättert sie nun doch ein wenig darin herum. „Blot ‘n lütten Ogenblick“, sagt sie und hält plötzlich gerührt inne.

„Dor bün jo ik in. Dat bün ik!“, sagt sie und zeigt mir eine kleine Abbildung, ein Gemälde der Insel-Malerin Elisabeth Büchsel.

„Truding“ heißt das Bild, und ganz genau er- innert Oma sich. An das Haus, an die lange Zeit, die sie stillstehen musste. Anstrengend war das, aber einen Apfel gab es hinterher. Sie hat ihn später mit ihrer Schwester Hilma geteilt. Das alles weiß sie noch, als wäre es gestern gewesen. „Leg schnell weg“, sagt sie bescheiden und gibt mir das Buch. „Müssen die anderen nicht wissen, dass ich da drin bin.“ – „Warum?“, frage ich. „Ist doch schön.“ – „Ja“, sagt sie. „Ja, das ist schön.“ Im Februar 2008 wird sich der Lebenskreis meiner Oma schließen. Häufig ist mir im Laufe der vergangenen Jahre der Name Elisabeth Büchsel begegnet. Ein Auktionator auf der Insel Usedom hat mehrfach Bilder der Künstlerin angeboten. „Truding“ war nie dabei. Natürlich nicht, wenngleich ich es mir im Stillen durchaus gewünscht habe. Die Malerin hatte das Bild 30 Jahre lang in ihrem Besitz, bis es 1946 in die Sammlung des Kulturhistorischen Museums der Stadt Stralsund gelangte, das ihr im Sommer 2014 eine große Werkschau widmet. „hundertmal Büchsel“ ist der Titel dieser Exposition. Ungeduldig betrete ich das Katharinenkloster. Die Ausstellung führt über mehrere Räume. Eine offene Flucht lässt den Blick frei auf das Glanzstück der Exponate. Mittig wurde es an der Giebelwand platziert, und es ist kein anderes als das Portrait meiner Oma Gertrud Müsebeck, „Truding“, gemalt 1916. (Abb. 1)
Den Ausführungen im Ausstellungskatalog zufolge ist „Truding“ das beliebteste Büchselbild überhaupt, das viele Jahre in der Spielzeugausstellung des Museums zu bewundern war.
„Das dargestellte Mädchen ist laut verschiedener Quellen Gertrud Gau oder Gertrud Beyer von Hiddensee“, hat die Kuratorin der Ausstellung, Dorina Kasten, im Katalog geschrieben. Wie schade, dass sie nicht erlebt hat, wie es war, als sich meine Oma an ihrem 92. Geburtstag so genau an die Entstehung dieses Bildes erinnert hat. Ich nehme mir vor, der Autorin davon zu berichten. Vorerst aber stehe ich da und schaue auf das Bild. Und alle anderen, zumeist sehr viel kleineren Gemälde, ziehen an mir vorbei, wunderschöne Arbeiten, Ansichten von Stralsund und immer, immer wieder Hiddensee: der Strand, Kähne, Bauern, Fischer und Frauen mit Kindern, die aufs Meer hinausschauen, ein „Abend in Vitte auf Hiddensee“.
„Vitte“, denke ich, dort, wo das Haus stand, an dessen weiß gekalkter Wand das kleine Mädchen Truding lehnte, mit aufmerksamem Blick, mit Augen, die noch so viel sehen sollten, Schönes und Schlimmes, Glück und Leid. In der Summe wird es ein gutes Leben gewesen sein. Unzählige Erinnerungen leben weiter in mir, leben weiter in den Kindern und Enkeln der Nachkommen des so früh verstorbenen Kaufmanns Heinrich Wilhelm Ferdinand Gau und seiner Ehefrau Caroline Marie Christiane, geborene Wandt, verwitwete Gau und spätere Ehefrau von Carl Wilhelm Heinrich Schäwel, und werden letztlich doch vergehen, wenn wir sie nicht festhalten und weitergeben in Bildern und Geschichten von Generation zu Generation. Noch immer stehen mein Mann Michael und ich in der Ausstellung, haben alle Bilder mehrfach angesehen. „Nur einmal noch gucken“, sage ich, als es längst Zeit ist, die Ausstellung zu verlassen. Mit festem Schritt gehe ich durch alle Räume zurück zu dem einen Bild, das mir so viel mehr ist als irgendein Bild. Ganz nah davor bleibe ich stehen. Es fällt mir schwer, nicht die Hand zu heben und darüber zu streichen. Ganz vorsichtig, ein einziges Mal nur. Ich mache es nicht, stehe einfach nur da, bis mein Blick links unten im Bild an dem roten Apfel hängen bleibt, demjenigen vielleicht, der dem Kind Truding als Lohn für‘s Modellstehen zugedacht war. Nun war es gut. Alles war in Ordnung so, wie es war.

Abb. 8 Nur wenige Meter vom Müsebeckschen Wohnhaus in der Gahlkower Straße entfernt gab es einen Haltepunkt der Kleinbahn. Ein kleiner Ausflug nach Lubmin brachte eine angenehme Abwechslung in den arbeitsreichen Alltag. Die Aufnahme zeigt Gertrud mit ihren Töchtern Rita und Hilma auf der Seebrücke im Sommer 1943.
Abb. 9 Im zweiten Nachkriegsjahr wurde Trudings Sohn Werner konfirmiert. Vater Walter Müsebeck konnte nur aus der Ferne an die Familie denken. Aus einem Gefangenenlager schreibt er seinem Sohn am 6. Juli 1947 folgende Zeilen: „Lieber Werni! … Wie geht es dir so schwer bei der Arbeit? Würdest doch sicher lieber etwas lernen, oder nicht? Ja, wann kommt für uns mal wieder eine bessere Zeit, und wann meine so lang ersehnte Heimkehr? Man kann keinem mehr trauen, bis jetzt sind wir noch immer beschwindelt worden. Wie geht’s Hilmi und Rita? … Nun die allerherzlichsten Grüße und Küsse und alles Gute wünscht euch Allen Euer lieber Vati.“
„Man weiß oft viel über die Künstler und wenig über die auf ihren Bildern dargestellten Personen.“

Im Sommer 2017 nutze ich die Gelegenheit einer Führung, die zu der Zeit präsentierte Ausstellung „Bilder voller Poesie – Stralsunder Kunst im 19. Jahrhundert“ anzusehen und endlich den längst fälligen Kontakt zur Autorin des Katalogs „hundertmal Büchsel“ aus dem Jahr 2014 aufzunehmen. Dorina Kasten ist Museologin und Kuratorin im STRALSUND MUSEUM. „Man weiß oft viel über die Künstler und wenig über die auf ihren Bildern dargestellten Personen“, sagt sie zum Ende ihrer Ausführungen zur Ausstellung. „Zu einem Bild weiß ich was“, sage ich und füge hinzu, dass ich ihr das nach der Führung gerne erzählen würde. „Das machen Sie mal gleich“, fordert mich eine der Damen aus der Runde der Ausstellungsgäste auf. Und so erzähle ich meine Geschichte zu dem Bild „Truding.“ Das Bild ist nicht Teil der Ausstellung, aber die zumeist aus Stralsund und der näheren Umgebung ins Museum gekommenen Gäste kennen es. Dorina Kasten erzählt, dass es an seinem angestammten Platz im Hause hängt und demnächst eine Restaurierung anstehen würde. Mit herzlichen Worten des Dankes für die interessante Führung an sie und dem einen oder anderen letzten Blick auf die aktuelle Sonderausstellung der „Bilder voller Poesie“ löst sich die Gruppe der Ausstellungsbesucher auf, ohne jedoch dem Ausgang des Hauses entgegen zu streben. Fast alle möchten sich zuvor noch das so beliebte Büchsel-Bild anschauen. Mein Mann und ich stehen dabei. Es ist ein schöner Moment und ergreifend zu sehen, mit welcher Freude die Leute die- ses Bild anschauen, dessen Motiv, die kleine „Truding“, für einen Augenblick so lebendig und gegenwärtig ist.
Bisherigen Publikationen zufolge war das auf dem Gemälde dargestellte Kind jedoch nicht als meine 1912 geborene Oma, Gertrud Emma Alma Gau, sondern als die 1909 geborene und bereits 1950 verstorbene Tochter von Louis Theodor Ferdinand Gau und Anna Maria Emma Gau oder eine nicht näher bekannte Gertrud Beyer identifiziert worden.
Sollte Oma sich so geirrt haben, als sie an ihrem 92. Geburtstag diese kleine schwarz-weiß abgedruckte Abbildung in dem von Renate Seydel herausgegebenen Buch „HIDDENSEE. Geschichten von Land und Leuten“ sah und mir sofort alles so lebendig und detailreich erzählte, was sie zur Entstehung genau dieses Bildes zu sagen wusste? Nein, das konnte gar nicht sein! Dennoch wollten wir es nun genau wissen. Die Historikerin Dorina Kasten ging die Sache wissenschaftlich an: Ein Vergleich der Lebensdaten der im Raum stehenden Personen mit dem auf dem Bild dargestellten Mädchen ergab zweifelsfrei, dass Elisabeth Büchsels „Truding“ kein siebenjähriges Schulkind, sondern ein deutlich jüngeres Kind ist.

Abb. 10 Walter Müsebeck ist zurückgekehrt aus Krieg und Gefangenschaft. 71 Jahre alt ist er geworden. Das Foto zeigt Truding und ihn in der Veranda ihres Hauses in Vierow in der Mitte der 1970er Jahre. Nichts ist mehr vorhanden von diesem Haus, von der großen Fachwerkscheune, den Stallungen, dem Holzschuppen, dem Garten, der im Sommer umgeben war von schnatterndem Federvieh und dessen Ertrag an Gemüse und Obst bis zur nächsten Ernte noch Kinder und Enkel mitversorgte.
Abb. 11 Meine Mutter Rita Berta Alma Kühle, geborene Müsebeck mit ihrer Tochter, meiner Schwester Astrid, 1965.

Hinzu kommt, dass die Tochter von Louis Theodor Ferdinand Gau und seiner Ehefrau Anna Maria Emma Gau braune Augen hatte. Das Mädchen auf dem Bild hingegen hat blaue Augen, eben solche, wie auch die im Sommer 1916 gerade vierjährige Gertrud Emma Alma, das zweite Kind von Heinrich Wilhelm Ferdinand Gau und seiner Ehefrau Caroline Marie Christiane Gau, sie hatte. Und noch etwas lag der Historikerin klar auf der Hand: Die Malerin Elisabeth Büchsel hat das Portrait auf das Jahr 1916 datiert und mit dem Namen „Truding“ betitelt. Beides weist sicher darauf hin, dass das Kind auf dem Gemälde authentisch ist, denn körperliche Merkmale, zu denen insbesondere auch die Augenfarbe gehört, werden in einem Portrait nicht verändert. Neben vielen interessanten, sowohl bekannten als auch neuen spannenden Einblicken in das Leben und Wirken der Malerin Elisabeth Büchsel werden sich in der im Laufe dieses Jahres im Eudora Verlag Leipzig erscheinenden Publikation „Elisabeth Büchsel – Bilder eines schönen, starken Lebens“ der Autorin Dorina Kasten auch Ausführungen zu dem hier vorgestellten Sachverhalt befinden. Einen Kunstdruck des Bildes hatte ich schon vor längerer Zeit im Stralsunder Museumsshop erstanden. In dreifacher Ausfertigung habe ich ihn gekauft, für meine Schwestern Astrid, Karina und für mich. Astrid und Karina haben ihre Exemplare an die Wand gehängt. Ich habe meins in den Schrank gelegt und stecke die Kopie eines Fotos (Abb. 11) in den von Angela Rapp und Dorina Kasten erstellten Katalog zur Ausstellung „hundertmal Büchsel“ aus dem Jahr 2014. Auf dem Foto sind zwei Menschen abgebildet, die genau wie „Truding“ in besonderer Weise zu mir gehören. Es sind meine Mutter Rita Berta Alma Kühle, geborene Müsebeck, und meine Schwester Astrid, deren zweiter und dritter Vorname Käte und Gertrud sind. Astrid Käte Gertrud. Wie schön. Sie trägt die Vornamen unserer Großmütter. Astrid ist auf diesem Foto genau so alt wie unsere Oma auf dem Gemälde. Zwei kleine Mädchen von vier Jahren, die gleiche Haltung des Kopfes, der gleiche aufmerksame Blick. Ich freue mich auf die neue Publikation von Dorina Kasten. Den Katalog zur Ausstellung „hundertmal Büchsel“ stelle ich ins Regal, schiebe ihn zwischen all die anderen Bücher über das Leben und Wirken berühmter Künstler, Claude Monet, Vincent von Gogh, Rembrandt, Caspar David Friedrich, Frieda Kahlo und wie sie alle heißen. „Dem Auge ein Fest“ von Eugène Delacroix. Nichts geht verloren, solange wir aufmerksam bleiben – und das Leben an sich ist die Kunst.

Hoch überm Meer

Der Ast ist morsch –
er knarrt
mit dem Lachen im Takt
wippt der Rock auf
und ab –
mit Schwung
gleitet die Sense durchs Gras.

Die Schaukel am Birnbaum
gibt es lang schon nicht mehr –
morsch
war der Ast,
aber das Lachen
schwebt
hoch überm Meer

Ines Kakoschke

Literatur- und Quellen

  • Renate Seydel, Hiddensee: Geschichten von Land und Leuten (Ullstein Taschenbuch), 4. Auflage, München 2005
  • Angela Rapp und Dorina Kasten, hundertmal Büchsel. Das Kulturhistorische Museum Stralsund stellt vor: Leben und Werk der Malerin Elisabeth Büchsel, Hansestadt Stralsund, 2014
  • Ines Kakoschke, Traumzeit im Wind. Gedanken in Worten gespiegelt. Lyrik, Greifswald 2014
  • Erinnerung Gertrud Müsebeck am 03.09.2004, aufgeschrieben und ergänzt von Ines Kakoschke, Lubmin 2014 und 2020